Lebensraum

Walzerklänge und die schöne, alte Welt – eine persönliche Retrospektive zum TV-Ereignis Opernball

Liebe Leserinnen und Leser, gleich vorweg die Bitte, mich nicht verbal zu peinigen, wenn ich Ihnen verrate, dass ich mich gestern unbewusst in ein Abenteuer gewagt habe – in ein TV-Abenteuer, vorm Fernsehkastl, im gemütlichen Ambiente der eigenen vier Wände. Bitte zweifeln Sie auch nicht an meiner Allgemeinbildung, aber der gestrige Abend war ein neuartiges Erlebnis für mich. Denn das erste Mal (in meinen letzten gut 28 Jahren) war ich aktiver Teilhaber an einem Event, das beim staatlichen Rundfunk bezüglich seiner Außendarstellung in einer Liga mit Quotenhighlights wie dem Villacher Fasching, der Hahnenkamm-Abfahrt oder dem zweiten Slalom-Durchgang in Schladming spielt. Schickeria, Staatsoper, Prunk und Stil in großem Maße – der jährliche Höhepunkt des Wiener Faschings, der Opernball, lässt eine alte, heuer exakt hundert Jahre in der Vergangenheit liegende, nicht mehr existente Welt wieder aufleben.

Für einen Abend voller Glanz und Glamour ist das kleine Österreich plötzlich wieder ganz groß, der Patschenkino-Teilnehmer hat das Gefühl, Wien sei wieder der Nabel der Welt (oder tut zumindest so) und jederzeit konnte der Kaiser plötzlich aus einer Tür hervorlugen und sich auf seinen Weg in den Teesalon machen. Doch die Welt vor dem Portal der Staatsoper ist längst eine vollkommen andere.

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„Der Opernball ist im TV am schönsten“, propagierten Christoph Wagner-Trenkwitz und Karl „Kari“ Hohenlohe am Beginn des Abends und ließen den aufmerksamen Zuhörer dann per U-Boot in eine andere Welt abtauchen. Dabei glänzten die beiden nicht nur mit der erstaunlichen Fähigkeit, mir unbekannte Menschen in eleganten Roben zu erkennen, sondern auch mit herrlich ironischen und pointiert spitzbübischen Kommentaren, die die Zuseher wieder auf den Boden der Realität zurückholten und die vielen C-Promis (die man entweder gar nicht kennt oder nur einmal jährlich am Opernball sieht) entlarvten und ihrer Unnahbarkeit beraubten. Auch sorgten sie für scheinbar irrwitzig spontane Videotelefonate und boten ihre erstklassige gastronomische Versorgung feil: Käs-Leberkäs-Semmeln – österreichischer geht es nicht.

Die Moderatoren im und um den Ballsaal, die sich mit Müh und Not durch das Gedränge des Opernhauses drängten, überzeugten ihrerseits mit erstklassigem London Cockney Englisch (Mirjam Weichselbraun), großem Appetit auf Schnitzelsemmerln (Alfons Haider) und als erstklassiger Notrations-Versorger von Müsliriegeln (Barbara Rett). Allen gemein sind die gute Laune und die scheinbare Leichtigkeit in ihrem zuckersüßen Präsentationsstil.

Nach Unmengen an Adabeis von DJ Ötzi über Baumeister Lugner (dem man inzwischen einfach seine Aufmerksamkeit gönnen sollte – er braucht sie nämlich) bis zum dritten Staatsopern-Choreografen von rechts enterte auch Bundespräsident Alexander van der Bellen unter dem Klang von Fanfaren das rote Kastl, unter dem der gleichfarbige Teppich liegt. Irgendwie wirkte er an diesem Abend nachdenklich, fühlte sich nicht allzu wohl in seiner Rolle und dachte insgeheim an Zeiten, in denen Opernball-Demonstranten (#eattherich) noch unter seinen Gleichgesinnten waren.

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Und so erstrahlte der Opernball mit all seinen paillettengeschmückten Kleidern, frackgeplagten Männern und dekadenten Frankfurter Würsteln zu astronomischen Preisen und ließ für einen Abend lang das imperiale Wien hell erstrahlen. Und auch die Tourismuswerbung jubelt über das Event, welches ein Land zeigt, dass stets immer wieder droht, zu sehr in seine ach so große Vergangenheit abzudriften und sich dabei doch immer mehr seiner nicht allzu großen, aber keineswegs schlechten Gegenwart bewusst zu werden.

In diesem Sinne: Alles Walzer!

 

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