Briefe vom Katzentisch, Stanglpass

No pineapples on pizza – Notti magiche und ein azurblauer Fußballhimmel

Die Würfel sind gefallen, die Spiele gespielt, die Oliven sind geerntet und der Fisch geputzt. Einen Monat lang war unsere nahezu alltägliche Fernsehunterhaltung geprägt vom runden (Kunst-)leder. „#Rinascimentoazzurro“, zu Deutsch-Französisch „Blaue Renaissance“ – wenn man dieses Doppelkreuz in die Suchfelder der diversen sozialen Medien hämmert, bekommt man jubelnde Männer in blauen Trikots serviert. England scheitert, wie soll es anders sein, im Elfmeterschießen. Und das obwohl die Engländer den Italienern schon nach zwei Minuten einen Treffer einschenkten, der den Azzurri schmeckte wie warmes Ale, Pizza mit Ananas und Mozzarella mit Malt Vinegar.

Am Tag danach wirken die sprechenden Kalaschnikows in italienischen Mainstreamradios noch chronisch fröhlicher als sonst und bellen im Minutentakt die Worte „Campioni d‘Europa“ und „Squadra Azzurra“ in ihre Sennheisermikrofone. Genau diese Emotionen trugen die Truppe von der Stiefelhalbinsel als Krönung ihrer ungeschlagenen Serie durch die letzten Wochen.

Dabei fehlten die schillernden Offensivkünstler aus früheren Zeiten, all die Baggios, Del Pieros, Tottis und Balottelis. Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini, die im Vorfeld als Schwachstelle im Team galten, entwickelten sich zum seelischen und fußballerischen Kitt der Squadra Azzurra. Nach und nach verdichteten die beiden Defensiv-Installateure das Abwehrsystem und leiteten so manche gegnerische Angriffswelle erfolgreich von ihrem Ballfänger Gigi Donnarumma (Wer war noch gleich Buffon?) ab. 

Sie entwickelten sich zu Ikonen, die man in Stein gehauen zur linken und rechten von Michelangelo’s David in Florenz verewigen könnte. „No Chiellini – no Party“! Das Motto, das bis dato Andrea Pirlo vorbehalten war, geisterte im Lauf der rauschenden Nacht durch die Datenautobahnen. Bonucci und Chiellini, zusammen sieben Jahrzehnte alt, sind die heimlichen Stars des Turniers. Kein Mbappe, kein Pogba, kein Ronaldo – nein, „il muro italiano“, die italienische Mauer, ist es, vor der sich Experten und Fans verneigen.

Il muro italiano

Die Italiener wähnten sich vier Wochen lang auf einer Wolke, die ein ganzes Land offen träumen ließ. Dabei war die Stimmung schon vor der EURO so, als könnte sich Fußball-Europa auf etwas gefasst machen. Ich persönlich saugte diese ganz besondere Aura auch bei einer Kurzreise ins Veneto Anfang Juni auf.

Obwohl man es dann letztendlich auch den Engländern gönnte, sympathisierten die meisten Europäer immer mehr mit Italien. Ihr Spiel war mitreißend und leidenschaftlich. Ganz besonders überzeugen konnten sie jedoch vor allem mit Emotionen und dem großen Theater, das diese Fußballnation schon seit einer gefühlten Ewigkeit mit Grandezza beherrscht und das zu einem schillernden Turnierverlauf dazugehört. Der Wechsel der kompletten Mannschaft inklusive Torhüter im dritten Gruppenspiel, das Fast-Ausscheiden gegen Laimers, Lainers und Hintereggers im Achtelfinale, das Drama um die gerissene Achillessehne von Spinazzola und seine anschließende Verherrlichung gehören genauso zu unseren südlichen Nachbarn wie der Pathos in großen und in schweren Stunden – nicht nur im brachialen Text ihrer Nationalhymne. 

In Summe waren die Spiele der Italiener stets unterhaltsam und mit jener wichtigen Zutat versehen, die den Fußballromantiker nicht nur in mir aufhorchen ließ: Emotion. All die Geschichten, Gesten und Gefühle rund um das Team gingen runter wie gut gekühlter Aperol Spritz auf der Piazza del Popolo und wirkten wie ein Sog auf die Menschen in Italien und im Ausland. Die Engländer agierten im Vergleich dazu wie Buchhalter, die sich, mit Ausnahme des Deutschland-Spiels, mit dem Rechenschieber in Richtung Titel bilanzieren. Die Taten der Italiener würden Marketingleute leichtfertig als erstklassiges Storytelling bezeichnen. Über das Drama hinaus wurde Italien in jeder Hinsicht verdient Europameister – mit einer Novità: Im Gegensatz zu früheren Turniersiegen gönnen auch Stiefel-Hasser den Ragazzi den Titelgewinn, der bei vergangenen Turnieren nur anerkennend abgenickt wurde.

Ich selbst erhebe den mit Chianti (der übrigens niemals „Tschanti“ ausgesprochen wird) gefüllten Römerbecher, den EM-Pokal des kleinen Mannes, und freue mich insgeheim über frei übersetzte Schlagzeilen wie „Die Löwen zerrissen. Italien, der Pokal gehört dir!“ (Il Giornale). Die Bilder aus den Fanzonen nach Sakas vergebenem Elfmeter lassen einen Schwall an Glück nach Norden schwappen. Man ist fast versucht, sich angesichts der Euphorie mit Büffelmozzarella einzureiben, eine Flasche Olivenöl auf Ex zu leeren und auf der imaginären Vespa grün-weiß-rot beflaggt durch Klagenfurt zu brummen. Zurück auf dem Boden der Realität sinniere ich über Sternstunden des Sports. Einerseits bin ich neidisch, weil die österreichische „Jo, eh-Mentalität“ epische Jubelarien wie in Rom, Mailand oder Neapel sogar im Falle eines rot-weiß-roten Weltmeistertitels nicht hergeben würde. Die Wurschtigkeit sitzt im „gscherten Jodl-Land“ (Zitat Helmut Qualtinger) viel zu tief. Egal, ein geniales Turnier mit dem von mir erhofften, aber auch prophezeiten Europameister geht zu Ende – die positive Stimmung Anfang Juni hat mich nicht getrübt. Zeit, sich endlich den lauen, wunderbar leuchtenden Sommer einzuverleiben und das TV-Kastl links liegen zu lassen. Auf ins Sommerloch – vielleicht schaut wenigstens das ein oder andere Reptil aus einem alpenländischen Abort, um dieses zu füllen. Grazie Ragazzi – è stato un’onore! 

Titelbild: Pixabay

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