Briefe vom Katzentisch, Stanglpass

Ein Hoch auf die ballgewordene Prokrastination: König Fußball is back!

Der Text, gelesen vom Microsoft Sam eures Vertrauens

Was ist in diesen Zeiten noch normal: Glamrocker gewinnen den Song Contest, jugendliche Internetselbstdarsteller kaufen fettere Jachten als Self-Made-Millionäre und Corona schickt uns vielfältige Mutationen des Schreckens jedweder Herkunft über den Globus. Ebenjener ist ja bekanntlich rund (zumindest am Schreibtisch), genauso wie der Ball, der ab Ende dieser Woche nach der unsäglichen industriellen Ergebnisproduktion am laufenden Band (aka alle europäischen Fußballmeisterschaften in der Saison 2020/21) auch wieder auf europäischer Ländermatchbühne rollt. Trotz nicht ganz zu Ende gedachter Gegebenheiten wie dem Austragungsort (Hä? Europa?), der Spielplandichte (Wetten, Covid macht der UEFA bei all dem Hin- und Her-Gefliege einen Strich durch die Rechnung) oder der Tatsache, dass die Stadien trotzdem eher leer als voll sein werden, keimt in mir etwas auf, dass ich so schon lange nicht mehr gefühlt habe: Vorfreude! Vorfreude auf Grillabende mit Märzenbier und guten Freunden. Vorfreude auf Ballstaffetten und vermeintliche Insiderreportagen aus Teamcamps inklusive der einen oder anderen Spielerfraustory. Vorfreunde auf die schönste frühsommerliche Zeitverschwendung, die dabei aber so viel Freude macht.

Das mag weniger an den zeitgenössischen Leistungen unserer heimischen Kickergarde liegen. Diese kommt, im Gegensatz zum Turnier von 2016, diesmal nicht gerade als Geheimfavorit daher. Vielleicht liegt dies aber auch daran, dass wir schlicht kein Geheimfavorit sind und auch nie waren. Sprach die rot-weiß-rote Anhängerschaft in Frankreich noch mit offenem Mund vom „Quasi-Freilos-ins-Halbfinale-mit-Luft-nach-oben“, so bleibt vielen jede Meinung zum kickenden Personal aus der Alpenrepublik momentan wie ein Frosch im Halse stecken. Wir können nur überraschen. Außer beim Auftaktmatch gegen Nordmazedonien. Aber allein der Gedanke, dass nach der Gruppenphase gefühlt dreimal so viele Teams ins Achtelfinale kommen als ausscheiden, nährt meine Hoffnung auf die K.O.-Phase. Ein Geniestreich von Arnautovic, ein schneller Antritt von Lazaro oder eine ansprechende Leistung von Alaba – das muss schon drin sein. Und stell dir vor wir gewinnen zum Auftakt – dann „kochen plötzlich alle anderen auch nur mit Wasser“ und die sich in 99 Prozent aller Lebensphasen vom Fußball abgewandte Bevölkerung packt die rot-weiß-rote Tankstellenvuvuzela aus, schmiert sich die Nationalfarben ins Gesicht und wandert frohen Mutes getestet, genesen oder geimpft zum „Public Viewing“. Stets in der Hoffnung, dass sich nicht die wirkliche Bedeutung dieses Anglizismus, der spätestens seit dem ein oder anderen Sommermärchen Einzug in den deutschen Sprachgebrauch gefunden hat, durchsetzt: die Leichenbeschau. 

Was die höheren Gefilde betrifft, gibt es viele Nationen, die sich mit Ruhm bekleckern könnten: Frankreich, Spanien, Belgien, oder vielleicht doch die Engländer oder gar Italien. Ich würde es unserem südlichen Nachbarland wieder einmal gönnen. Abseits von persönlicher Italophilie hat die Mannschaft momentan nicht die ganz großen Stars zu bieten, bei denen Fußballromantikern das Wasser im Sichtfenster gerinnt. Man denke nur an Namen wie Baggio, Maldini, Totti, Pirlo, del Piero etc. Doch die gegenwärtige Truppe funktioniert nicht nur beim lebhaften Nationalhymnenträllern, sondern auch als Kollektiv und ist schwer zu schlagen. Außerdem würde das von der Pandemie gebeutelte Land über Nacht in den monumentalen, von großem Pathos geprägten Freudentaumel verfallen. Die Pizzaöfen würden spätestens beim Finale kalt bleiben, so wie sie es lange pandemische Monate von Rechtswegen her sein mussten. Diesmal allerdings, weil es für eine kurze Zeit eine scheinbar höhere Instanz gibt, die geschichtsträchtige Momente eruptionsartig aus der knusprigen Teigkruste ejakuliert. Der Weg dahin ist lang – möge er erfolgreich sein!

Mir ist schon klar, Fußball ist kein Wohlfahrtssport, die Welt ist an sich schlecht und der bitcoingeschwängerte Kapitalismus zermalmt alle Gedanken an Gerechtigkeit unter seinen breit geschlagenen Hufen. Dennoch werde ich wieder begeistert vorm Fernsehkastl (und auch im Bukarester Stadion) sitzen und die Länderkämpfe mantraartig und in kontemplativer Ruhe betrachten. Ich werde mich über Siege von David gegen Goliath und gelungene Aktionen des spielenden Personals freuen und mich über statisches Ballgeschiebe, das in der Halbzeitpause als „taktische Meisterleistung“ deklariert wird, ärgern. Ich werde insgeheim (sorry an meine teutonischen Freunde) wieder den deutschen Gegnern die Daumen halten und laut Deutschland-Klischees grölen. Weiße Socken und Sandalen, frage nicht. Und das, obwohl ich dem passionierten Taschenbingoenthusiasten Jogi Löw einen guten Abschluss wünsche. Super Duper League hin, Google, Alphabet und TikTok her – die Welt ist verrückt. Besonders im Jahr 2021, in dem sich der neue Europameister danach offiziell als Sieger der UEFA Euro 2020 schimpfen darf. Alles klar? Gut, dann lasset die Spiele beginnen!

Foto: Pixabay

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