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Müßiggehen statt säumig leben

Ohrenschmaus statt Lesegraus: Der Text, gelesen von mir höchstpersönlich

Corona potenziert alles. Menschen, die vorher zu Big Stylern, was Karriere, Image und Tightness betrifft, gehörten, haben nun noch mehr davon oder zehren von ihrem erlangten Reichtum. Andere sitzen bettelarm zu Hause und beschäftigen sich mit unfassbar sinnlosen Tätigkeiten wie Puzzeln, Sudoku oder Mensch ärgere dich nicht. Wenn das länger dauert, sehe ich schon die Götterdämmerung in Form von Mandalas und Window Colour. Oder die visuelle Penetration durch das ORF-Wetterpanorama in Dauerschleife. Wenigstens Entschleunigung. 

Wenn Matthew Bellamy von Muse singt „Don’t waste you time or time will waste you”, was mögen sich da strickende Ökohipster denken. Liebe junge Großstädter, die sich Umweltschützer nennen, aber nur deswegen kein Auto haben, weil die Kohle nicht reicht: Das Eis unter euren Füßen wird auch irgendwann mal brechen! Wollt ihr die Zeit davor damit verbringen, einstellige Zahlen auf Zeitungspapier zu kritzeln? Dagegen sind jene, die den Rubrik’s Cube in Rekordzeit lösen, eloquente Philosophen. Geht raus und sammelt Eindrücke – und das sorgfältig und mit Muse! Pflegt den Müßiggang!

Wir alle laufen derzeit wie die Duracell-Hasen der gesellschaftlichen Entwicklung: Höher, schneller, weiter. Die Umverteilung von Arm zu Reich schreitet schneller denn je voran, Anleger von Kryptowährungen fühlen sich kurzzeitig wie König Midas und schon am nächsten Tag wie die sprichwörtliche Kirchenmaus und die, die vorher viel in der Hackn waren, sind es nun noch mehr. Social Medias kommen und gehen, Facebook ist schon lange tot, LinkedIn killt Xing und lesen will ohnehin niemand mehr. Die immer mehr bilderwerdenden Inhalte scheinen mit der steigenden Zahl an neuen Portalen intellektuell immer mehr abzunehmen. Vielleicht erschließt sich der verdammte Content aber auch meinem Generation-Y-Verständnis nicht (By the Way: Was wird eigentlich die infantile Nachfolgeparole von „OK, Boomer!“?). Die Tatsache, dass sie enorme Zeitfresser sind, ist der große gemeinsame Nenner aller von Followern, Likes und Interaktionen gefütterten Plattformen. Unter all diesen WWWs ist LinkedIn, „Ihre berufliche Community“, die Walhalla des Kapitalismus.

LinkedIn-Profile wachsen aus der Datenautobahn wie die Schwammerln aus dem feuchten Moos nach einem Sommerregen. LinkedIn – das asoziale Netzwerk für High Performer, Big Achiever und alle, die es werden wollen und dabei dem narzisstischen Kapitalismus (oder dem kapitalistischen Narzissmus) frönen. Bereits viele ikonische Profilbilddarstellungen sprechen für sich. Variante 1: Entschlossener Blick, verschränkte Arme, der gesamte Ausdruck trieft vor Selbstbewusstsein. Variante 2: Schwarz-Weiß, von einem Fotografen gekonnt einseitig belichtet, um auch jede einzelne Falte, die sich in Tagen und Nächten voller Schweiß, Workload, aber auch Leidenschaft und Hingabe in die Pelle gefräst hat, zu offenbaren. Variante 3: Gar kein Profilbild, weil irgendwann mal angemeldet und dann Mut/Lust/überflüssige Freizeit verloren. 

Wildfremde Menschen bitten einen wahllos um die Aufnahme ins Netzwerk. Grundsätzlich stimmt man zu. Spaß ist woanders. Hier heißt es: Jeder könnte ein Kunde sein. Nach dem zustimmenden Ja, das einem selbst nicht mehr bedeutet als ein Daumenwischer auf Tinder, erhält man schon die erste Produktpräsentation. „Vielen Dank für die Aufnahme in Ihr wertvolles Netzwerk. Ich freue mich …. Blabla… Ach ja: hier ist mein E-Book, das Ihnen zum Erfolg verhelfen und Sie ganz nach oben bringen wird!“ 

Aber was ist ganz oben? Der Himmel ist ja auch nur der Plafond der Hölle und ich persönlich bevorzuge es gerne etwas wärmer. Erfolgsmenschen hingegen sind ja bekanntlich Leistungsträger, die keine Zeit verschwenden, Führungsqualitäten haben und Kompetenzen bündeln. Worte wie fundiert, pointiert oder motiviert pflastern ihren Alltag. Sie leben nach Glaubensgrundsätzen wie „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer der, der er schon ist“ und verlassen regelmäßig ihre Komfortzone für die Produktion von Win-Win-Win-Situationen. Drei Buchstaben („T-U-N“) und motivierende Kalendersprüche pflastern ihren Weg. Performance, Effizienz und Eloquenz sind ihre Eckpfeiler zum Erfolg. 

Doch was ist Erfolg? Und worauf blicken wir zurück, kurz bevor wir dann Radieschen, Kartoffeln und sogar Kresse von unten betrachten? Und welche Fragen werden wir uns am Ende stellen? Auch wenn es schmerzt: Gehen muss jeder, der eine früher, der andere später. Wie man die Zeit vor dem physischen Super-GAU nutzt, bleibt jedem selbst überlassen. Denn auch wenn stressgeplagte Männer-des-Jahres, die regelmäßig die Sprossen auf der Karriereleiter überspringen, ihn scheuen: Manchmal tut der Müßiggang doch ganz gut. Das sagen nicht nur erfahrene Promenadologen, sondern auch ich, der Spaziergänger und Lustwandler vom Dienst. 

Foto: Pixabay

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