Briefe vom Katzentisch

Viva la Pizza im Jahr der Kaper!

Ohrenschmaus statt Lesegraus: das Hörspiel zum Text

Die schönste Art der Nahrungsaufnahme für sozialwissenschaftliche Zwischenmenschen ist die Pizza. Sie ist der teiggewordene Liberalismus! Egal ob Fleischfresser, Turboveganer oder Säbelzahntiger: die sich stark unterscheidenden Arten des Pizzadesigns machen jeden Gaumen glücklich, aber vor allem satt. Wer kennt nicht die Urlaube in südlichen Gefilden, in denen man aufgrund des großen Hungers und der ausführlichen, in ausländischer Sprache gehaltenen Speisekarte dann doch wieder das würzig belegte Fladenbrot bestellt. Pizza ist McDonald’s in Gut: Man weiß, was man kriegt. Oder zumindest, dass man danach meistens voll ist wie das Bankkonto von Jeff Bezos. Durch die simple Zusammensetzung der Zutaten finden selbst Allergiker, die ansonsten die spärlichen Rosinen am reich gedeckten Tisch der Erkenntnis suchen müssen, ihren passenden Teigfladen. 

Die heilige Dreifaltigkeit der Pizzazutaten gestaltet sich einfach: Tomaten, Mozzarella, Basilikum. Wie ein Golf GTI lässt sich das sensationelle Gericht scheinbar beliebig aufpimpen, funktioniert aber auch mit kühlem Understatement in der Basis-Ausstattung. Weniger ist ja bekanntlich oft mehr. Vergleichbar zur Tuningszene sind jedoch auch hier den Geschmacklosigkeiten keine Grenzen gesetzt. Kulinarische Grausamkeiten wie Pizza Kebab, Hawaii oder Real American Pizza, bei der der Käse wie Eiter aus der Kruste läuft, erinnern an den beschämenden Moment, an dem dir der Kumpel mit 16 seinen tiefergelegten Skoda Fabia gezeigt hat. Grundtenor: Ekel und Unverständnis. Kebab und Pizza als eierlegende Wollmilchsau? Wohl eher eine Vergewaltigung der edlen Schönheit! Ananas auf der Pizza? Nahezu Blasphemie! 

Da man sich gegenwärtig ja Abwechslung und Struktur im lustlosen Dasein selbst schaffen muss, hat sich in unserer Küche ein wöchentlicher Pizzaabend eingebürgert. Freudvoll kauft man erlesene Zutaten, ob Fisch oder Fleisch, Käse oder Grünzeug ein und belegt die selbstgemachte Getreidemasse mit den Köstlichkeiten. Der Backofen erwärmt sich in der Zwischenzeit auf gemütliche 220 Grad. Im Wohnzimmer versprüht der großartige Lucio Dalla in Zeiten von Reisebeschränkungen wenigstens musikalisch südländisches Flair.  Der Abend wird perfekt. Das einzige Gesetz ist nur: Pizza selbst gemacht fetzt einfach mehr als die original italienische Steinofenpizza vom ägyptischen oder pakistanischen Lieferdienst.

Unscheinbar gewachsen, aber mit verblüffender Geschmacksexplosion: der Kapernstrauch

Meine Lieblingsbeläge: saftige Spinatherzen, edel filetierter Räucherlachs, aber vor allem die Kaper! Die eingelegte Blütenknospe des unscheinbaren Mittelmeerstrauchs macht jeden mild gesalzenen Pizzateig zum würzigen Erlebnis. Nicht zu unterschätzender Nebeneffekt: Man säuft den Wein wie Wasser. Das sorgt für beschwingte Abende im Kreise Ihrer Lieben. Die Kaper ist der Lionel Messi unter den Pizzazutaten: zuerst unscheinbar und mit Wachstumsschwierigkeiten, entfaltet sie ihr kreatives Potenzial letztlich da, wo es zählt: auf dem Platz! Aus diesem Grund möchte ich für sie eine Lanze brechen und für 2021 das Jahr der Kaper ausrufen. Streuen Sie sie zärtlich auf den goldbraunen Teigfladen und überzeugen Sie sich von ihrem Zauber. Sie werden nicht enttäuscht sein!

Aber alleine der Umstand, dass die meisten Lieferpizzen eher von Menschen mit arabischer Muttersprache gebacken werden, legt das Potenzial der neapolitanischen Scheibe erst offen. Pizza darf jeder! Pizza ist ein politisches Statement! Und: jeder mag sie. Die Pizza ist quasi der Bradley Cooper der Nahrungsaufnahme: Sexiest Meal alive! Nicht nur die Antilopen Gang, nein, auch ich finde, dass uns Pizza retten kann! Darum gilt: Wenn’s Diavola regnet und Prosciutto schneit, dann beten wir zum Herrgott, dass das Wetter so bleibt!

Fotos: Pixabay

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