Briefe vom Katzentisch

Flüsterasphalt ade – die Revolution von Bitumen und Teer

Ohrenschmaus statt Lesegraus? Der Text zum Anhören

Wenn ich mich nicht gerade durch den trostlosen Alltag lockdowne und auf den ersehnten „Stichtag“ für möglichst viele Risiko- und Nicht-Risiko-Gruppen warte bin ich gerne unterwegs. Vorzugsweise motorisiert. Dabei zähle ich nicht unbedingt zu jenen Menschen, die täglich jede Mutter und den Einfüllstutzen des Scheibenreinigers an ihrem fahrbaren Untersatz reinigen. Genauso wenig liegen allerdings leere, biologisch abbaubare Papierverpackungen vom „Wirt zum goldenen M“ oder eine ganze Generation toter Haustiere auf meiner Rückbank oder im Gepäckabteil. Sagen wir so: die Kiste muss rollen und das recht zuverlässig. 

Alleine und ohne jegliche Ablenkung im Auto unterwegs zu sein ist für mich oft meditativer als jede fernöstliche Entspannungstechnik. Das Handy im Flugmodus, niemand quatscht dich von der Seite an, eine durch und durch sinnliche Erfahrung. Doch dann mischt sich eine visuelle Attacke in die allgemeine Idylle und zerstört diese mit einem virtuellen Überreiz. „Ich bin die B100 und kein Müllplatz“, steht da in Ortstafelmanier auf einem Transparent. Der greenpeacige Zusatz „Bleib Sauber“ sprengt die Ortstafelgrenzen wie einst ein Kärntner Sonnenkönig die Regeln des Staatsvertrages. Um das Farbkastl zu komplettieren, hält der hochrote Adler, in freier Wildbahn längst ausgerottet, die Ehre des heiligen Landes Tirol hoch.

Wo sind wir, denke ich mir. Was ist das für ein Land in dem Bundesstraßen mehr Rechte als Wohnungen, Flussufer und Geflüchtete haben. Und wo kommen wir hin, wenn sich neben der B100 auch noch B179, B111 oder B1 über ihre Befindlichkeit echauffieren. Asphalt-Aufstand? Doch damit nicht genug! Auch Skipisten, Gehwege und Kanalgitter werden bald mit der Revolution beginnen. Da bin ich mir sicher. Vor kurzem sprachen auch Autobahnen zu mir und drückten mich mit den eindringlichen Worten „Mach keinen Mist“ in meinen billigen, verschlissenen Stoffsitz.

Die Verkehrswege nehmen überhand, die Mauteinnahmen werden mehr denn je zu „100 Prozent“ den Autobahnen gehören, wie es auf den etwas hanebüchen wirkenden Klebevignetten, einem Relikt aus dem prähistorischen Zeitalter vor der Digitalisierung, geschrieben steht. Die Diktatur, basierend auf Hoch- und Tiefbau. Mit der finanziellen Herrschaft werden unsere Verkehrswege immer mächtiger und irgendwann werden sie uns verschlingen, wenn wir unachtsam auf den Asphalt rotzen. Unseren Müll werden wir in unseren Wohnungen horten, der Lokus im Rosenberger wird aufgrund unserer Ehrfurcht stets blitzen wie in der Meister-Proper-Werbung. Unsere Verkehrswege werden zu Ikonen und überflügeln die immer hässlicher werdenden Bauträger-Wohnkasernen mit ihrem Anmut und ihrer Eleganz.

Ich erschrecke nochmals. Mein Tagtraum ist vorbei, das Ende des neuen Flüsterasphalts bei Kilometer 36 lässt mich aufschnellen und die von Schlaglöchern in Vulkankratergröße zerschlissene Bundesstraße holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Revolution aus Bitumen und Asphalt, sie wird wohl noch etwas dauern. Ich drehe sicherheitshalber das Radio laut auf. Der „Boss“ trällert die „Streets of Philadelphia“. Es folgen die „Streets of London“ von Ralph McTell. Nach „Die Straße lebt“ von einem Deutsch-Rapper muss ich schlucken. Der Aufstand ist näher als wir glauben.

Ohrenschmaus statt Lesegraus auch auf Soundcloud? Bittesehr:

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