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„Those were the days, my friend!“, oder: warum die Geschichte unser Leben prägt

Der Text zum Anhören in knackigen sechs Minuten:

 

„Lernen’s ein bissl Geschichte, Herr Reporter!“ Diese vielzitierte Maßregelung von Bundeskanzler und „Sonnenkönig“ Bruno Kreisky gegenüber TV-Redakteur Ulrich Brunner im Pressefoyer nach dem Ministerrat Anno 1981 wird oft aus dem Zusammenhang gerissen. Tatsächlich wollte Kreisky darauf aufmerksam machen, wie schnell politische Gegebenheiten eine ungute Richtung einschlagen können, wenn nur die falschen Leute am Werk sind. Die Sinnhaftigkeit, sich mit bereits Vergangenem zu beschäftigen, wird vor allem von der jüngeren Generation immer mehr in Frage gestellt. „Leben im Hier und Jetzt“ steht an der Tagesordnung. Besonders in einem Land wie Österreich, das, speziell für umworbene Touristenhorden aus dem fernen Osten scheinbar noch in der Vergangenheit lebt, lohnt sich jedoch ein zweiter Blick auf die mitunter glamourös präsentierte, jedoch oft nicht allzu glorreiche Geschichte.

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Triest, das „Wien am Meer“ © Johannes Moser

Fernab von aller k.u.k.-Romantik hat es nämlich einen Grund, warum der erste Wiener Gemeindebezirk mit seinen prunkvollen Gebäuden wirkt wie ein Museum. Es hat einen Grund, warum wir in unseren Breiten vorwiegend Deutsch sprechen oder entlang von Gebirgsketten (noch recht junge) Grenzen gezogen wurden. Sehr oft haben einzelne historische Begebenheiten, mehr oder weniger durchdachte Entscheidungen oder schlichtweg Zufälle den Fahrplan für die Landmasse, die sich heutzutage Österreich nennt, bestimmt. Wenn man die Rahmenbedingungen und den Einfluss mitdenkt, dann ist Geschichte keine bloße Aneinanderreihung von Jahreszahlen und Monarchen. So entschied sich beispielsweise in einer einzigen Schlacht im Marchfeld 1278, ob das heutige Österreich vorwiegend böhmisch oder deutsch wurde. In Dürnkrut und Jedenspeigen schlug nämlich der Habsburger Rudolf I. den Böhmenkönig Ottokar vernichtend und bildete den Grundstock für über sechs Jahrhunderte Habsburger-Herrschaft in unseren Breiten. Allein ein anderer Ausgang dieser einen, angeblich zweitgrößten Ritterschlacht aller Zeiten, hätte das Leben von Millionen Menschen elementar verändert. Wer sich mit Geschichte beschäftigt, weiß auch, warum Kärnten selten ein wirtschaftlich bevorzugter Flecken Erde war. Das Hause Habsburg scherte sich nämlich nur wenig um das vom Triathlon der Geschichte (Rauben, Morden und Brandschatzen) heimgesuchte Land. Bis heute hinkt Kärnten anderen Bundesländern wirtschaftlich etwas hinterher und schuld sind nicht nur zeitgenössische Politiker, sondern auch Machthaber längst vergangener Tage. 

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Mehrsprachigkeit und Patina in Tarvisio/Tarvis/Trbiž, einer der wenigen viersprachigen Gemeinden Italiens © Johannes Moser

Besonders der Alpen-Adria-Raum, der noch nie so viele territoriale Grenzen kannte wie heute, lädt zu geschichtlichen Erkundungen noch und nöcher ein. So war Kärnten über Jahrhunderte hinweg bis zum Verlust im Ersten Weltkrieg nie Grenzland, sondern inmitten habsburgischer Provinzen, die bis weit nach Istrien gingen. Triest schaut auch nur deshalb aus wie ein maritimes Wien, weil es von den Habsburgern 1719 zum Freihafen, also quasi zum Tor der Welt für das Kaiserreich geadelt wurde. Und die Markthalle in Ljubljana, rund um die sich heutzutage in unzähligen Food Festivals kulinarische Hochgenüsse ein Stelldichein geben, gibt es auch nur, weil Jugendstil-Architekt Jože Plečnik bei seinem Vorbild Otto Wagner in Wien zugeschaut hat. Das Kanaltal war bis 1919 ein Teil von Kärnten und in Tarvis sprach damals niemand Italienisch – Deutsch und Slowenisch waren die vorherrschenden Idiome. 

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Jugendstil in Ljubljana © Johannes Moser

All das mag unscheinbar erscheinen, bestimmt jedoch in großen Teilen mit, wer wir sind und welche kulturellen Eigenheiten wir bewusst oder unbewusst verinnerlicht haben. Besonders aber wird man in Anbetracht der, unabhängig wohin man den Globus dreht, blutigen Geschichte immer auch etwas demütig und dankbar. Denn eine so lange Periode ohne Krieg wie die aktuelle gab es in der Geschichte Europas noch nie. Dessen sollte man sich, ungeachtet der zahlreichen Krisenherde rund um den Erdball, stets bewusst sein. Kulturelle Vielfalt ist, besonders wenn man auf unser Gebiet im Herzen Europas blickt, ein große Bereicherung. Herzhafte Ćevapčići mit Ajvar in Kranjska Gora, danach auf einen herrlichen Cappuccino in Tarvisio und als Absacker ein kühles Blondes in einem traditionellen Gasthaus rund um Villach – Herz, was willst du mehr! 

Insofern hatte Kreisky mit seiner Aussage, auch wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen wird, durchaus recht. Denn die Beschäftigung mit der Historie in unseren Breiten bereichert nicht nur das Leben und macht so manche Reise interessanter, sondern lässt den Beobachter auch verstehen, warum wir so sind, wie wir sind. Außerdem schreiben wir selbst täglich Geschichte und bestimmen so unsere Entwicklung, hoffentlich nach bestem Wissen und Gewissen und mit positiven Absichten, entscheidend mit.

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