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Das Experiment, oder: die kurze Zündschnur des menschlichen Dynamits in der stillsten Zeit des Jahres

Ein scheinbar ganz normaler Nachmittag in der Vorweihnachtszeit, eine Parkgarage unter einem zentral gelegenen Stadtplatz und ein technisches Gebrechen: drei perfekte Zutaten für eine Zurschaustellung menschlicher Charaktere, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt.

An diesem Tag gehe ich also, nichtsahnend und frohen Mutes, mit schnellem Schritt in Richtung meines Fahrzeugs, öffne die Tür, lasse den Diesel nageln und fahre los. Nach der ersten Runde in der Parkgarage bildet sich, direkt vor der Ausfahrt, eine etwa vier Blechbüchsen lange Schlange. Ein großer, schwarzer SUV mit deutschem Kennzeichen steht direkt an der Schranke und fuchtelt wild in seinem Fahrzeug umher. Als der Typ, ein schwarzes Ledersakko über einem violetten Hemd tragend, aussteigt und zu fluchen anfängt, werden auch andere Autofahrer-Hälse plötzlich immer länger und ragen weiter und weiter aus ihren Seitenfenstern. Der Schranken geht anscheinend auch nach wiederholtem gutem Zuspruch schlichtweg nicht auf. „Das könnte spaßig werden!“, frohlocke ich innerlich und bereite mich gekonnt auf die spontane Darbietung der unterirdischen Laiendarsteller vor.

Ich stelle den Motor ab, schalte das Radio aus, öffne meine Fensterscheibe einen Spalt und beobachte mit Wonne das närrische Treiben. Ebenso stelle ich den Timer meines Handys auf null und starte die Zeitnehmung menschlicher Abgründe. Und Go!

30 Sekunden:Der Deutsche hinter der Schranke wird bereits unruhig. Er drückt den Hilfe-Knopf an der Säule, die anscheinend bereits sein Ausfahrticket gefressen hat und wartet auf eine Antwort. Erste Beobachter in meiner Nähe würgen ihre Motoren ab.

1 Minute, drei Sekunden: Noch kein Funkspruch vom Parkhaus-Tower, der lederbejackte SUV-Fahrer geht hektisch hinter seiner Stoßstange auf und ab. Sein Hemd steckt schon nicht mehr in der Hose und mir offenbart sich seine adipöse Erscheinung. Ich stelle fest, dass ihm jeder zusätzliche Schritt eher gut tun würde. Erste Nebendarsteller steigen aus ihren Autos aus und betreten die Bühne.

1 Minute, 52 Sekunden:Noch immer keine menschliche Stimme vom Lautsprecher neben dem Kartenslot, aus dem Off hupt ein ahnungsloser Blitzkneißer zwei mal. Sein Hupen wird in der unnatürlichen Katakomben-Höhle unter der Stadt nochmals exponentiell lauter. Der bundesdeutsche Mitbürger, dessen Haaransatz am Hinterkopf schon leicht rückläufig ist (der Experte nennt dies gemeinhin „Wurstblatt“) schreit die anderen Verkehrsteilnehmer an und ärgert sich über den „Ösi-Sauladen hier“.

2 Minten, 9 Sekunden: Ein junger Typ mit teilrasiertem Haar, dessen Che-Guevara-T-Shirt unter der Jacke zu sehen ist, matcht sich mit dem dicken Lederjacken-Zampano um die lauteste und längst Schimpftirade des Tages. Fast überhören Sie dabei eine männliche Stimme, die gekonnt ein „Was kann ich für Sie tun?“ aus dem Lautsprecher schnarcht. Aufgrund der fortdauernden Sperre liegen die Nerven des Piefke (ich weiß, das ist böse, aber er schimpfte unsere wunderschöne Parkgarage auch einen „Ösi-Sauladen“) blank. Schreiend erklärt er der Stimme aus der Säule sein Problem und fügt noch ein ziemlich unsympathisches „Wehe wir zahlen hier jetzt mehr!“ hinzu.

Ich öffne mein Handschuhfach und entdecke ein von der sommerlichen Hitze etwas ramponiertes Twix, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum jedoch noch lange nicht überschritten ist. Ich öffne mühevoll die Papierverpackung, mache den ersten Bissen und ärgere mich insgeheim, dass ich kein Cola im Auto habe.

2 Minuten, 48 Sekunden: Langsam wird die deutsche Lederjacke zum Anarcho-Titan. Er rüttelt mittlerweile an der Säule und kommt der Sprechanlage mit dem Kopf immer näher. Hoffentlich spuckt der Typ nicht allzu sehr, denn übermäßigen Speichelfluss würde das ausgeklügelte elektronische System nicht aushalten. Auch aus dem Rückraum der Garage erklingen mittlerweile immer lautere Stimmen. Menschen beginnen Termine abzusagen oder entschuldigen sich prophylaktisch für eine eventuelle Verspätung. Ich fühle mich wie der Gefängniswärter in der Mitte des Panoptikums menschlichen Nervenversagens und freue mich über das Gezeigte.

3 Minuten, 14 Sekunden: Die Stimme aus der Parksäule versichert dem Parkraum-Hooligan, dass so schnell wie möglich Personal vorbeikommen würde und entschuldigt sich höflich. Ihr Gegenüber rüttelt jedoch schon am Schranken und entgegnet mit zynischem Grinsen in die hinter ihm stehende Menge: „Ich kann das Ding auch umfahren, mein Auto ist stark genug!“. Ein Führerscheinneuling, der gerade aus seinem Golf IV GTI geklettert ist, grinst hämisch. Auf seiner dunkel getönten Heckscheibe stehen die philosophischen Worte „Achtung, Heck schert aus!“ und „Jage nicht, was du nicht töten kannst!“. Ich schaue unter meinem Sitz nach ob sich nicht doch irgendwo eine halbvolle Wasserflasche in meinem Fahrzeug befindet. Dabei finde ich alte, aber noch verschlossene Feuchttücher, die ich irgendwann bei einem Ripperl-Essen habe mitgehen lassen. „Was für ein glücklicher Zufall!“, denke ich mir und säubere meine Finger von klebrigen Twix-Resten. Mit einem Auge bleibe ich jedoch immer beim Geschehen um nur ja nichts von der Show zu verpassen.

3 Minuten, 58 Sekunden: Mit einem Hieb reißt der Germanen-Herkules die Schranke nach oben. Freudestrahlend und mit hochrotem Schädel blickt er in die johlende Menge. Die Szene wirkt so, als hätte er gerade das Schwert von König Artus aus dem Stein gezogen. Mittlerweile schwitzt er sogar ein wenig. Ungeachtet jeglicher rechtlicher Folgen startet er den Achtzylinder seines Dodge Ram und gibt Gas. Er ist der Erste, der das Verlies verlassen darf. Auch der Rest der im Stau stehenden Wartenden huscht zu den im Stau stehenden Autos und sorgt mit dem Massenstart für eine Konzentration an Stickoxiden, wie sie sonst nur in chinesischen Millionenstädten nachweisbar ist. Die Devise lautet: Nichts wie raus hier!

Nach vier erfolgreichen Entkommenden bin ich schließlich an der Reihe und stoppe nach kurzer Fahrt mit aller Ruhe an der Parksäule. Wie jeden Tag sorge ich für Kontakt meiner Dauerparkkarte mit dem optischen Laser. Die gewaltsam nach oben gerichtete Schrankenanlage kratzt auf meinen Impuls an der Decke. Vielleicht hätte es doch funktioniert, wenn bloß jemand anders versucht hätte das Portal zu öffnen, denke ich mir, als ich wieder an der frischen Luft bin. Egal, hinter mir die Sintflut, und außerdem: Mein Auto ist jetzt frei von Essensresten, in der Parkgarage ist Tag der offenen Tür und ich habe mich köstlich amüsiert. Ich überlege noch, ob die ganze Aktion ein von Verhaltensbiologen gesteuertes wissenschaftliches Experiment war und ziehe zufrieden von dannen.

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