Lebensraum

Knödel al dente – über Südtirol und seine besondere Anziehungskraft

 

Südtirol, auch Alto Adige, der Landstrich südlich des Alpenhauptkammes, die nördlichste Provinz Italiens und Magnet für Reisende, Touristen und Globetrotter aller Art. Das Land ober der Etsch verfügt scheinbar über mehr Instagram-Hotspots als Einwohner und verwöhnt seine Besucher mit herrlicher Kulinarik, paradiesischer Landschaft und perfekt gepflegten, historischen Ortskernen. Ich möchte jedoch diese kleine Gedankensammlung nicht zur puren Tourismuswerbungs-Lobhudelei verkommen lassen. Vielmehr geht es mir darum, persönlich auf vielen Ebenen wahrgenommene Eindrücke zu schildern und dadurch vielleicht selbst zu verstehen, warum dieser spezielle Landstrich mich immer wieder beschäftigt!

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Fanes im Herzen der Pragser Dolomiten © Johannes Moser

„Südtirol ist nicht Italien!“ … aber auch nicht Österreich

Keine Angst, ich bin kein Anhänger und Fantast, was irredentistische Ideologien in der Neuzeit betrifft und denke nicht an „Anschlüsse“ und Annexionen jeglicher Art. Die Parole rechtsgerichteter Parteien, welche in Südtirol selbst immer wieder aus ihrem Morast an die Oberfläche treten, will ich auch nicht behandeln. Schon beim Grenzübertritt bei Winnebach im Pustertal fällt dem interessierten Beobachter auf, dass alles zwar landschaftlich ähnlich bleibt, jedoch trotzdem irgendwie anders wird. Die Stromleitungen der Pustertalbahn sind grün statt grau, die Orts- und Hinweisschilder stets zweisprachig und auf Tafeln, die vor Gaststätten am Asphalt stehen, steht auffällig oft das Wort „Pizza“. Ist das schon der Süden, von dem alle sprechen? Zumindest im Osten der Provinz Bozen, der von den „bleichen Bergen“, den Dolomiten beherrscht wird, herrscht zumindest optisch und klimatisch kein signifikanter Unterschied zum alpinen Landschaftsbild innerhalb Österreichs.

Sprachlich jedoch lassen vor allem die in den Dolomiten ansässigen Ladiner spüren, dass die romanischstämmigen Idiome im Land südlich von Drau und Rienz auch schon vor dem Zerfall der Donaumonarchie ihre Heimat gefunden haben. Wenngleich auch die Ladiner in ihren fünf Alpentälern zwischen Bruneck, Pozza di Fassa und Cortina d’Ampezzo in der Zeit nach 1918 oftmals von harten Italianisierungswellen erfasst wurden, so hat sich ihre Sprache bis in die Gegenwart erhalten und wird auch dementsprechend von Kulturvereinen gehegt und gepflegt. Dies führt heutzutage dazu, dass in großen Teilen „Ladiniens“ nicht nur die Ortsschilder, sondern auch die Menschen manchmal drei Sprachen als „Natives“ beherrschen. Sprachen verbinden Menschen und Kulturen. Das ist auch der Grund, warum es ein großer Verlust für die kulturelle Vielfalt in einem Europa der Regionen wäre, wenn ein Idiom nicht mehr gesprochen wird. Mögen die Ladiner ihre Sprache (und auch ihre zahlreichen Dialekte) noch lange erhalten und in die Welt hinaus tragen.

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Kirche in Schmieden (Ferrara) im Pragser Tal (Valle di Braies) © Johannes Moser

Auch gibt es, abseits von den verschiedenen Dialekten, die allesamt mit dem „Innschbrucker Khrr“ nichts am Hut haben, viele Wörter und Redewendungen, die aus dem Italienischen stammen. Dass man also derart „stuff“ ist, wenn einen jemand derart „fregiert“ und das Gegenüber mit einem lauten „Dai!“ reagiert, weiß man, dass die italienischen Mitbewohner in einem Jahrhundert bereits einiges zum Südtirol, wie es heute ist, beigetragen haben. Diese Vielfalt sollte nicht nur aufgrund des gesetzlich festgelegten ethnischen Proporzes, der unter anderem bei der Vergabe öffentlicher Ämter berücksichtigt werden muss, als kulturelle Bereicherung gesehen werden. Zweisprachigkeit als unglaublichen Vorsprung gegenüber vielen anderen Menschen in Europa zu sehen ist in einem globalisierten Europa der Regionen eigentlich ein Muss. Auch das, zugegebenermaßen über Jahrzehnte hart erkämpfte, Autonomiestatut trägt mit dazu bei, dass sich Südtirol in Italien ein bisschen wie ein „Staat im Staat“ fühlen darf.

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An der Südtiroler Weinstraße

Südtiroler haben Sonne, Wein, Äpfel – und das alles zuhauf

Wenn man sich bei der Anreise schließlich auf Höhe der Bischofsstadt Brixen befindet, fallen zwei Dinge sofort auf. Zuerst ist es der Umstand, dass das Eisacktal nach Süden ziemlich schmal wird und in der letzten Eiszeit vom Gletscher  scheinbar gerade noch genug Platz für die Brennerautobahn eingeplant wurde, die sich wie ein graues Band mit rostigen Leitschienen gen Flachland zieht.  Als zweiter Eyecatcher wirken die zahlreichen Weinreben und Apfelfelder, die von nun an am Weg in die Landeshauptstadt Bozen ständiger Begleiter sind. Scheinbar gedeihen diese uralten Kulturpflanzen auf den sonnenverwöhnten Hängen in Südtirol, dem Land mit angeblich mehr als 300 Sonnentagen im Jahr, besonders gut und zahlreich. Im Talkessel von Bozen wimmelt es nahezu nur so von Weinstöcken, deren Trauben in Reih und Glied auf ihre, ob der hohen Temperaturen recht frühe, Lese warten. Besonders erwähnenswert sind hier die Rotweine aus den autochthonen, also einheimischen Südtiroler Rebsorten wie  Vernatsch oder Lagrein. Doch auch die Weißweine in Südtirol sind von herausragender Qualität. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie Chardonnay, Pinot Grigio oder Sauvignon Blanc ist man etwas weiter südlich, in der Nähe des warmen Kalterer Sees, sehr stolz auf den heimischen Gewürztraminer, der, eh klar, auch hier im malerischen Weindorf Tramin, direkt an der Südtiroler Weinstraße gelegen, seinen Ursprung hat.

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Schloss Maretsch (Castel Marrechio) in Bozen (Bolzano) © Johannes Moser

 

Der Süden der Provinz Bozen wird also vom Weinbau dominiert, doch je weiter man sich am Weg nach Meran, der Ur-Landeshauptstadt aller Tiroler, bewegt, desto häufiger werden Äpfel in allen Farben und Formen. Ein großer Teil des europäischen Apfelbedarfs wird von Kernobst Marke „Alto Adige“ gedeckt, auch wenn die zahlreichen Sonnenstunden hier vor allem im nordwestlich gelegenen Vinschgau immer mehr für Probleme hinsichtlich der Bewässerung sorgen. Denn Apfelbäume in Monokultur haben Durst, der aufwändig gestillt werden muss.

Letztlich sind jedoch Apfel- und Weinbauern nicht nur Erhalter von Traditionen und Erhalter des eigenen Lebensstandards, sondern auch Landschaftsarchitekten. Vor allem der Wein gehört zweifellos zu den schönsten Kulturpflanzen des Menschen und sorgt auf steilen Hügeln wie beispielsweise bei St. Magdalena über Bozen für einen einmaligen Augenschmaus. Ebenso fügt er sich perfekt in die gesamte Südtiroler Landschaft ein, die am besten mit dem Wort „kontrastreich“ beschrieben werden kann. Es ist der Kontrast zwischen mediterraner und alpiner Landschaft, der die nördlichste Provinz Italiens ausmacht. Mit einem Blick erkennt der faszinierte Beobachter hochalpine Gipfel, Pinien, Zypressen und Weinreben. Besonders bei Morgen- oder Abendsonne wird all das nicht nur für Fotografen zum magischen Moment.

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Pragser Wildsee (Lago di Braies) und Seekofel (Croda del Becco/Sas dla Porta) ©Johannes Moser

Südtirols Städte – ein urbaner Mix aus alpenländischer und mediterraner Kultur

Bei einem kleinen Exkurs über Südtirols urbane Zentren sollte man sich prinzipiell zuallererst mit der Landeshauptstadt beschäftigen. Bozen, oder hier ganz besonders auch „Bolzano“, ist die Gemeinde mit den meisten Angehörigen der italienischen Sprachgruppe im Land. Knapp drei Viertel der Menschen geben hier Italienisch als ihre Muttersprache an, was sich naturgemäß auch auf das Leben in der Stadt auswirkt. Die gesamte Industriezone im Süden der Stadt wurde erst nach der Annexion im Jahr 1919 überhaupt gebaut und mit den großen Betrieben wurden ganz bewusst Italiener, oft aus dem äußersten Süden, in den eigens für sie geplanten Arbeitersiedlungen („Semirurali“) angesiedelt. Ziel war damals eine schnelle „Italianisierung“ des „Alto Adige“.

Die Altstadt hingegen ist malerisch und hat sich ihren über Jahrhunderte entwickelten Charme erhalten. Sie wirkt oft wie Innsbruck, nur ohne Nordkette, dafür mit Weinbau und Dolce Vita. Und genau das ist sie auch – ein wunderbarer Begegnungsort von Nord und Süd, ein Mix aus zwei Kulturen, eine Wein- und Messestadt genauso wie ein wichtiger Industriestandort. Nebenbei sei angemerkt, dass auch der amtierende Champion der vier Staaten umspannenden, aber doch höchsten österreichischen Eishockey-Liga in der Eiswelle im Süden der Stadt regelmäßig mit sehenswerten Auftritte vor einem begeisterten Publikum aufzeigt.

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Der Dom in Bozen (Bolzano) © Johannes Moser

Die zweitgrößte Stadt Meran, gut dreißig Kilometer weiter nordwestlich am Tor zum Vinschgau gelegen, wirkt trotz ihrer geografischen Lage mitten in den Alpen durch ihren Berg-bedingten Schutz von allen Seiten nicht nur im Marketing-Sprech als „mediterranste Stadt Südtirols“. Die ehemalige Kurstadt, die schon Kaiserin Elisabeth im 19. Jahrhunderts aufgrund ihres milden Klimas immer wieder über den Alpenhauptkamm lockte, besticht wie auch Bozen mit ihren Lauben (so werden hier die Arkadengänge in der Altstadt bezeichnet) und ist stolz darauf, dass diese hier am Zusammenfluss von Etsch und Passer noch etwas länger sind als in der Landeshauptstadt. Ebenso lässt es sich auch hier herrlich durch aufwendig angelegte, abwechslungsreiche Gärten und Promenaden über und in der Stadt flanieren.

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Mediterrane Landschaft in Meran (Merano) © Johannes Moser

Doch auch abseits der „Big Two“ gibt es gepflegte und, im Gegensatz zu Bezirksstädten hierzulande, auch sehr belebte urbane Zentren zu entdecken. Hier denke ich vor allem an das mittelalterliche Klausen, das pittoreske Bruneck, die Bischofsstadt Brixen mit ihrem beeindruckenden Dom oder auch an die kleinste Stadt Südtirols, Glurns im Vinschgau, deren Stadtmauer außerhalb des Zentrums noch komplett erhalten ist.

Alle Orte sind weitgehend gepflegt, belebt und zumindest in den historischen Zentren noch nicht vom in Österreich oft grassierenden Baukrebs gezeichnet.

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Klausen (Chiusa) © Johannes Moser

In Summe gesehen halte ich Südtirol für einen besonderen Flecken Erde, der gesegnet ist mit schroffen Gebirgsmassiven, malerischen Tälern und mediterranen Weinlandschaften. So besonders wie ihre Landschaft sind auch oft die Menschen, die in dieser Umgebung leben. Die allseits zumindest sichtbare und oft auch gelebte Mehrsprachigkeit ist ein immenser Vorteil, denn jede erlernte Sprache ist der Schlüssel zu einer anderen Kultur und damit auch zu anderen, oft kreativeren Herangehensweisen an bestimmte Dinge. Die Mischung macht’s aus!

Insofern bin ich schon sehr gespannt auf weitere Entdeckungen zwischen Brenner und Salurn und bin ganz und gar nicht „stuff“ vom vielen Knödel essen und Wein trinken.

 

Berühmte Dichter deutscher und italienischer Sprache sowie jeweils eine Zeitung für die entsprechende Volksgruppe – Alltag in Südtirol    © Johannes Moser

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